Nachruf
„Wächtler und Kolleg:innen - Kanzlei 73“ nimmt Abschied von Hartmut Wächtler, den Mitgründer und Namensgeber unserer Kanzlei.
Hartmut Wächtler ist am 23.12.2025 nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben.
Er wird nun nicht mehr durch die Kanzlei laufen und das Büro rufend verlassen: „Bin im Knast“.
Schweigendes Nachkriegsdeutschland, der große Schatten eines NSDAP-Vaters, den er nicht kennengelernt hat, aber offen darüber sprach, bewegte und bewegende 68er, der Stempel des Terroristen- und RAF-Anwalts - leicht hat es Hartmut Wächtler nicht im Leben. Seine Gegner mit ihm als Verteidiger im Gerichtssaal, manchmal seine eigenen Freunde, Mitstreiter und Lebensbegleiter, sein eigenes Team auch nicht. So sind eben dieKämpfer, mit Ecken und Kanten.
Die erste Begegnung mit Hartmut Wächtler inden Kanzleiräumen war nicht das, was man harmonisch bezeichnen würde. Zuerstrügt er vehement meine schriftlichen Notizen an, die er nicht entschlüsseln konnte. Dann wurde er plötzlichruhig und sagte zu mir fast beiläufig: „Vergessen Sie nicht: Der Staat ist immer in der Lage, Unrecht zu begehen.“
Wer war Hartmut Wächtler?
„RolfPohle“, „Gertraut Will“, „Hanns Marzini“, der „Tennō-Prozess“ in Bonn, „Freizeit 81“, die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf (WAA), der Fall der EMMA-Redakteurin „Ingrid Strobl“, „Fritz Gildemeier“, „Das Blatt“,„Werkstattkino“, „zahlreiche Verfahren gegen Vietnamprotestierende oder Atomkraftgegner“ das waren einige von seinen bekannten zahlreichen politischen Fällen. Hartmut Wächtler ging es immer wieder um das gleiche Prinzip: die Beweggründe, die Motivation, das politische Anliegen der Angeklagten, das zur Sprache kommen musste. Denn er hat als Auftrag in seinem Beruf gesehen, „widerständigen Minderheiten eine Möglichkeit zu geben, die Konfrontation mit der Justizdurchzustehen, ohne daran zu zerbrechen“.
Am Beginn seiner Karriere und bei den meisten seiner Mandanten und Mandantinnen ging es um Menschen, die mit staatlichen Eingriffen konfrontiert waren, sei es wegen Widerstands gegen die Staatsgewaltoder Verstöße gegen das Versammlungs- oder Meinungsrecht.
Die 68er Jahre haben ihn stark geprägt. Die Studentenproteste, an denen er aktiv beteiligt war, haben dafür gesorgt, dass Hartmut Wächtler kein Rechtsanwalt für Verwaltungsrecht wurde, was erursprünglich vorhatte. Er politisierte sich, genauso wie zahlreiche damalsheranwachsende junge Juristen und andere Studierende an der stockkonservativen Münchner LMU. In Wächtlers Fakultät lehrten weiterhin Professoren, die in der NS-Zeit Karriere machten und diese jetzt ihre Karriere als brave Demokratenfortsetzen und nicht bereit waren, sich über ihre Vergangenheit zu äußern, geschweige denn sich damit auseinanderzusetzen.
Als Mitglied des Liberalen Studentenbundes Deutschlands(LSD), einer linken undogmatischen Studentengruppe, wie Hartmut Wächtler selbstbeschreibt, und als aktives Mitglied der Außerparlamentarischen Opposition(APO) leistete er Rechtshilfe in politischen Strafverfahren gegen Kommilitonen und andere Demonstranten, die sich für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau einsetzten, für eine Vergangenheitsaufklärung der Eltern in der Nazi-Zeit. Und gegen den wütenden Vietnamkrieg oder die griechische Militärdiktaturbekannten. Hartmut Wächtler gab Rechtsrat für das Verhalten vor und nach einer Festnahme, er besuchte Festgenommene und Inhaftierte in Polizeigewahrsam und Gefängnissen, übernahm schließlich nach guter Vorbereitung ihre Verteidigung.
„Die Erfahrung, dass ich dort etwas Nützliches mit meinem Studium anfangen konnte, brachte mich dazu ,Strafverteidiger zu werden“, hält er in seinem Buch „Widerspruch“ fest.
Gleich nach dem Erhalt der Zulassung als Rechtsanwalt gründete Hartmut Wächtler 1973 zusammen mit Annemarie Gaugel, Wolfgang Bendler und Wolfgang Kisch die Kanzlei „Wächtler und Kollegen“. Wenige Jahre später schlossen sich Thomas Hessel und Hubert Heinhold an. In die Kanzlei ist er noch einige Wochen vor seinem Tod gegangen, um seine ausgewählten „Fälle“ vorzubereiten. Die Kanzlei ist heute noch aktiv und trägt stolz den Namen „Wächtler und Kollegen“ mit Zusatz das Gründungsjahr als „Kanzlei 73“.
Sein erster Fall galt, seinen Freund und Kommilitonen Rolf Pohle zu verteidigen. Pohle war für seine Rolle und Aktivitäten als Studentenführer bei den Osterunruhen 1968 in einem fragwürdigen Verfahren zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monate ohne Bewährung verurteilt worden, was seine juristische Karriere gekostet hat und seinen weiteren Lebensweg vorgezeichnet. Ihm wurde später wegen angeblicher Unterstützung der RAF vorgeworfen und er wurde zu 6 ½ Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Lorenz-Entführung 1975 wurde freigepresst und 1976 aus Griechenland überstellt. Wächtler versuchte vor dem griechischen höchsten Gericht, dem Aeropag, dies zu verhindern, was ich ihm zunächst gelang. Bei einer zweiten Nachdem aber die Bundesregierung den damals geplanten EU Beitritt Griechenlands in Frage gestellt hatte, wenn Pohle nicht ausgeliefert würde, wurde Rolf in Deutschland zu weiteren 3 ½ Jahren verurteilt. „Wächtler hielt alle Verfahren damals für unfair,“ sagt sein Freund Hubert Heinhold.
Hartmut Wächtler hatte aber nicht nur politische Prozesse geführt. Später in den 80er folgten die herkömmlichen Kriminalfälle, Sittlichkeitsdelikte, Drogen- und Körperverletzungsverfahren, Mord- und Totschlagfälle.
In seinem Metier war er umstritten. Manche sprachen von dem „linken Bürgerrechtsanwalt, der sich für die Verfolgte einsetzte“.
Andere verpassten ihm die Etikette des „ Terroristen- und RAF-Anwalts“.
Sein Credo war stets klar und unmissverständlich: Widerstand ist gerechtfertigt und notwendig und dieser liegt dem Artikel 20 des Grundgesetzes zugrunde. Für ihn galt es dem Angeklagten als institutionell Schwächeren Hilfe und Beistand gegen die staatliche Übermacht zu gewähren.
Ihm war es auch äußerst wichtig, seine „Zukunft“ zu organisieren, so war Gründungs- und Vorstandsmitglied des Republikanischen Anwälte und Anwältinnen Vereins (RAV) der „Initiative Bay. Strafverteidiger:innen“, der „Strafverteidigertage“ und war Initiator der Herausgabe der Fachzeitschrift „Strafverteidiger“. Er wirkte als Sachverständiger in Landtagen und dem deutschen Bundestag und als Richter beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof.
Zufrieden und ein wenig stolz berichtete er, dass ein kluger Polizeioffizier ihn ein paar Jahre lang anheuerte, damit seine Polizeischüler mit den Feinheiten des Versammlungsrechts sich vertraut machten. „Vielleicht wurde auch erkannt, dass der Beitrag der 68ger Generation nicht nur Krawall und später Gewalt war, sondern auch eine Stärkung der in Deutschland noch jungen Demokratie“, merk teer mit Genugtuung.
Seine Kollegen und Weg begleiter bezeichneten ihn als einen „großen, klugen, leidenschaftlichen, streitbaren Anwalt und Strafverteidiger, einen radikalen Demokrat und Antifaschist, mit scharfem Verstand und Humor“.
Sein langjähriger Kanzleipartner und Freund Hubert Heinhold beschreibt ihn als einen hartnäckigen und zähen Verteidiger, der Konflikten nicht aus dem Weg ging.
Er war ein ausgeprägter Individualist, der gleichzeitig die Geselligkeit schätzte. Er mochte die Ruhe seines Dorfes und Gemeinschaft bedeutete ihm viel.
Legendär waren die wöchentlichen Sitzungen in der Kanzlei, in denen man sich fachlich austauschte, aber auch über die Weltlage engagiert diskutierte und laut stritt. Anschließend sind sie gemeinsam Essen gegangen. So sind Freundschaften entstanden und wie es mit Tucholsky auszudrucken, den Hartmut Wächtler in seiner Jugend exzessiv las und sehr schätzte: Freundschaft ist wie Heimat.
Er pflegte die Erfolge seiner Kanzlei partner, die zu Freunden geworden sind, genauso wie seine zu feiern, er sorgte für ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Kanzlei, indem er dafür einsetzte, dass die Verteilung der Erträge gleichmäßig erfolgte. Es ging nicht darum, nach Umsatzquoten abzurechnen, sondern es wurde gleichviel an die Partner ausgezahlt, unabhängig davon, wie viele Fälle und welche Fälle sie hatten und was sie am Ende erwirtschafteten. Nur so war es möglich, dass auch andere Rechtgebiete aufgebaut waren und sich entfalten konnten, wie z.B. Migrations-und Ausländerrecht, das inzwischen heutzutage zum Schwerpunkt der Kanzlei73 wurden.
An einem kalten Februartag, es ist kein Jahr her, habe ich ihn am Odeonsplatz auf einer Demonstration gesehen. Zwei Jahre nach dem Zusammenstoß zweier Züge in Griechenland, bei dem 57 junge Menschen ums Leben kamen, wurde die Unfallursache immer noch nicht aufgeklärt. Mit einem Generalstreik in Griechenland und Demonstrationen auf der ganzen Welt erinnerten die Griechen an das Unglück und verlangten nach Aufklärung. Die Proteste richten sich gegen Vertuschung in den Untersuchungen. Hartmut Wächtler war auch dabei, unterhielt sich mit älteren Herrschaften mit schütterem grauem Haar. Seine Bindung zu Griechenland aus den 60er und 70er Jahren, hatte er jedenfalls nicht vergessen, als er gegen die Militärjunta mitdemonstrierte, Exilgriechen in Schutz nahm, oder als er selbst als Zeuge vor dem griechischen höchsten Gericht „Aeropag“über die Haftbedingungen seines Freundes Rolf Pohle aussagte.
Sein aufschlussreiches Buch „Widerspruch“, das er 2018 veröffentlichte, seine bekannten „Fälle“ darstellt, konnte ich erst jetzt lesen.
Im Sommer bat ich ihn um ein Interview. Er beantwortete die Fragen schriftlich (s.u.)
Wäre er heute noch unter uns, hätte ich ihn gerne noch viel mehr gefragt, wie er zum De-Banking von politisch Andersdenkenden denkt, zum Datenschutz und zu den stark zunehmenden Einschränkungen des Versammlungsrechts.
Auf meine letzte Frage, wie sich das Profil der Kanzlei im Laufe der Jahre geändert hat, antwortete „Auch wenn sich das Profil unserer Kanzlei im Laufe der Jahre geändert hat, sind weiterhin die Rechte – auch die Bürgerrechte der Mandant:innen –notfalls mit aller Schärfe zu verteidigen. Dazu sind wir da, und so soll es auch bleiben.“
Die Kanzlei, seine Kanzlei, ist sich in allen Fachabteilungen einig und diesem Vorsatz treu.
Gute Reise Herr Wächtler, der Geist des Widerspruchs bleibt lebendig.
Kanzlei 73 Team - Anastasia Charalambous-Becker