Unsere
Geschichte
Wir blicken zurück in die späten 1960er-Jahre, auf die jungen Student:innen und Freund:innen Annemarie Gaugel, Hartmut Wächtler, Thomas Hessel und Hubert Heinhold. Sie sind damals Teil der ersten Nachkriegsgeneration, auch ihre Eltern haben den Krieg und seine Folgen miterlebt: als überzeugte Nazis, Mitläufer, aber auch Flüchtlinge und Vertriebene. Sie alle kennen sich vom Studium oder von verschiedenen Aktionen und Diskussionen im Rahmen der Studentenbewegung von 1968.
Eine Aufklärung der Verbrechen der Nazizeit, geschweige denn Entnazifizierung, wie man sie gerne gehabt hätte, findet damals nicht statt. Die Nazi-Vergangenheit wird überwiegend totgeschwiegen und verdrängt. Im Nachkriegsdeutschland sind es viele ehemalige NSDAP-Mitglieder, überzeugte Nazis und Mitläufer, die in führenden Positionen und Ämtern des öffentlichen Lebens, in Politik, Wirtschaft, Universitäten und Gerichten sitzen. Gegen dieses Schweigen protestieren die jungen Menschen. Unter dem Motto „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ fordern sie Aufklärung, Transparenz und eine Auseinandersetzung mit den eigenen Familiengeschichten, der Rolle der eigenen Eltern. Auch Wächtler, Gaugel, Hessel und Heinhold wollen damals alles anders machen als ihre Eltern: sie wollen die „frischgebackene“ demokratische Bundesrepublik und sich selbst von den noch immer existenten Strukturen der Altnazis befreien. Zudem setzen sie sich für Frieden und ein Ende des Vietnamkrieges, sowie für freie Liebe und Gleichberechtigung ein.


„Wir sind, muss man zugeben, ein Produkt der berühmten 68er-Jahre“, so beschrieb Hartmut Wächtler die Entstehung der Kanzlei später. Seit den Studentenunruhen waren er, Annemarie Gaugel, Wolfgang Bendler und Wolfgang Kisch Freund:innen geworden. Einige von ihnen hatten bereits erste Erfahrungen bei der Rechtshilfe der APO (Außerparlamentarische Opposition) gesammelt und dort Studierende beraten, die bei Demonstrationen mit der Polizei in Konflikt geraten waren.
1973 war es dann soweit: in der Schellingstr. 52 wurde ein Büro gemietet, ein Emaille-Schild angebracht und die gemeinsame Kanzlei „Wächtler und Kollegen“ gegründet.
Vorwiegend besteht die Mandantschaft zu Beginn aus Betroffenen der 68er-Proteste. Hartmut Wächtler erinnert sich: „Die ersten Mandant:innen waren dieselben, die wir schon von der Rechtshilfe kannten. Sie hatten Anklagen wegen Widerstands, Landfriedensbruchs oder schlicht, weil sie sich nicht entfernt hatten, als die Polizei sie aufforderte.“ Später, als sich die Proteste in die Universität verlagerten, weil die Studenten gegen das reaktionäre neue bayerische Hochschulgesetz demonstrierten und als Dank ihre studentische Vertretung, der AStA, abgeschafft wurde, so Wächtler, seien Anklagen wegen Nötigung und Hausfriedensbruchs dazugekommen. „Franz Josef Strauß bescherte uns viele Mandate, weil er gegen alle, die ihn verunglimpften, Strafantrag stellte - die bayerische Justiz arbeitete alles ab.“
Einer von diesen ist auch Rolf Pohle, Freund Hartmut Wächtlers aus Studienzeiten und von der APO. Als Wächtler die Verteidigung im September 1973 übernimmt, sitzt dieser bereits seit 21 Monaten in Untersuchungshaft. Das Verfahren wird zum ersten größeren Prozess Wächtlers und prägend für seinen weiteren Berufsweg.

Die Biografie von Pohle steht stellvertretend für viele seiner Generation, die – von der gemäßigten westdeutschen Linken kommend – sich zunehmend radikalisierten und schließlich vor der Entscheidung standen, mit ihrem bisherigen Leben zu brechen oder sich anzupassen. Als Jurastudent polarisierte er die konservative Münchner Studentenschaft, wurde 1968 Vorsitzender der Studentenvertretung (AStA) und engagierte sich in dieser Funktion insbesondere gegen den Vietnamkrieg, den griechischen Militärputsch oder die anstehenden Notstandsgesetze der Großen Koalition. „Rolf Pohle übte eine große persönliche Anziehung auf mich und andere aus“, erinnerte sich Hartmut Wächtler später. „Rolf hatte ein sehr pragmatisches Verhältnis zur linken Theorie“, so Wächtler weiter. Ein „sehr starkes Gefühl für Gerechtigkeit“ sei für ihn wesentlich gewesen, „vor allem für die Schwachen und Bedrohten“. Er begriff die Studentenrevolte als „Befreiung von den Lügen der Väter“.
Rolf Pohles weiteres Leben war geprägt von Verhaftungen, langen Isolationshaftphasen und mehreren Prozessen wegen Nähe zur RAF sowie seiner Rolle bei der Entführung von Peter Lorenz, die zu seiner Freipressung und Ausreise in den kommunistischen Südjemen führte. Nach seiner erneuten Festnahme 1976 in Athen entschied der griechische Areopag (oberstes straf- und zivilrechtliches Gericht Griechenlands) zunächst gegen seine Auslieferung an Deutschland, da er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als politische Delikte einordnete, und machte den Fall damit zum Symbol für die Eigenständigkeit Griechenlands gegenüber der Bundesrepublik und dem übermächtigen und reichen Westeuropa. Unter politischem Druck kam es jedoch zu einer Kehrtwende, Pohle wurde nach erneutem Verfahren doch ausgeliefert und erneut in Deutschland inhaftiert. In einem weiteren Prozess in München erhielt er wiederum eine zusätzliche Haftstrafe, woraufhin er schließlich auch das Angebot einer erneuten Verteidigung durch Wächtler ausschlug. „Der Fall Pohle hat uns damals alle betroffen“, erinnert sich Thomas Hessel.
So wie der Fall Pohle folgten insbesondere in den 80er-Jahren weitere politisch brisante und interessante Fälle für die Kanzlei, unter anderem im Kontext der Proteste gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf oder der Proteste gegen die Kanzler-Kandidatur von Franz Josef Strauß (sog. „anachronistischer Zug“), um nur einzelne Beispiele zu nennen.
Hatte man sich anfangs noch ausschließlich mit Strafrecht beschäftigt, änderte sich das schon bald. Insbesondere als vier, beziehungsweise fünf Jahre später mit Thomas Hessel und Hubert Heinhold weitere Rechtsbereiche dazukamen.
Annemarie Gaugel wurde 1983 als Justitiarin der Grünen-Bundestagsfraktion tätig. In dieser Funktion beriet sie die frisch ins Bonner Parlament eingezogene Partei „Die Grünen“. Es sei für sie eine Möglichkeit gewesen, mal etwas Anderes zu probieren, erzählt Gaugel. „Alles war neu“, erinnert sie sich. „Die Zeit war anstrengend, keine:r hatte Erfahrung – niemand in der Fraktion.“ Nach einem Jahr kehrte sie aber in den Beruf als Rechtsanwältin in München zurück. Später beriet sie zudem das öffentlich-rechtliche Fernsehen für fiktive Ehe- und Scheidungsfälle in Fernsehsendungen.
Thomas Hessel beschäftigte sich anfangs vor allem mit Miet- und Arbeitsrecht, vertrat Mieter:innen, die aus ihren Häusern geworfen wurden oder Arbeitnehmer:innen, die Probleme mit ihren Jobs hatten. Im Lauf der Zeit kam er dann zusätzlich zu seinem heutigen Schwerpunkt, dem Medizinrecht. Darüber hinaus wirkte er in den 90er-Jahren aktiv bei der Neugestaltung des damals neuen Psychotherapeutengesetzes mit. Zudem beschäftigt er sich mit Themen der Kriminologie, so beispielsweise der Schuldfähigkeit psychisch kranker Personen oder der Sozialisierung von Gefangenen.
Mit Hubert Heinhold begann für die Kanzlei ab den 80er-Jahren die Vertretung von Mandant:innen im Ausländer- und Migrationsrecht. Anfangs ein mitgebrachter Aktenschrank voller Mandant:innen der verfolgten Gruppe der Sikhs, expandierte die Sparte im Lauf der Zeit beträchtlich, als die Bundesrepublik zunehmend zum Einwanderungsland wurde. „Weitere Verfolgte kamen nach, denn es sprach sich herum, dass Heinhold das Ausländerrecht ernst nahm, was durchaus nicht die Regel in den 70er-Jahren war“, erinnerte sich Hartmut Wächtler später.


1995 zog die Kanzlei in ihren heutigen Sitz in der Rottmannstraße 11a um. Der Staffelstab wurde etwa Mitte der 2010er Jahre an Katharina Camerer und Anna Frölich übergeben, womit die jüngere Generation die Verantwortung der Kanzlei übernommen hat. Seitdem wurde insbesondere die Ausländerrechtssparte der Kanzlei wesentlich ausgebaut und bildet seitdem den thematischen Schwerpunkt der Kanzlei.Migrationsrecht. Anfangs ein mitgebrachter Aktenschrank voller Mandant:innen der verfolgten Gruppe der Sikhs, expandierte die Sparte im Lauf der Zeit beträchtlich, als die Bundesrepublik zunehmend zum Einwanderungsland wurde. „Weitere Verfolgte kamen nach, denn es sprach sich herum, dass Heinhold das Ausländerrecht ernst nahm, was durchaus nicht die Regel in den 70er-Jahren war“, erinnerte sich Hartmut Wächtler später.
Selbstverständlich hat sich die Kanzlei in den vergangenen über 50 Jahren stark verändert. Sie war nie ein Familienbetrieb und ist dennoch so lange Zeit konstant aktiv. Die Gründer:innen der Kanzlei waren Teil der 68er-Generation, die die damals noch junge Bundesrepublik mit ihren Protesten politisch wie kulturell stark prägte. Sie sind Mitwirkende und Zeitzeugen einer Aufbruchs- und Modernisierungsphase Westdeutschlands.
Noch heute ist der anfängliche Gedanke der Kanzlei beibehalten: „Wir haben versucht alles gemeinsam zu machen, die Arbeit gemeinsam zu gestalten und das Geld gemeinsam zu erwirtschaften“, erinnert sich Thomas Hessel. „Es war nicht so, dass alles ums Geld ging. Von dem, was wir eingenommen haben, wurden die Ausgaben abgezogen und der Rest wurde geteilt – und zwar gerecht: unabhängig davon, ob der eine oder andere mehr oder weniger gearbeitet hatte oder wie viele lukrative Fälle er hatte.“
„Diese Art, die aus unserer Tradition kommt und unseren Mandant:innen, die Unterstützung brauchen, zu Gute kommt, wird weiterhin fortgesetzt“, so Hessel. Es ist das Ziel der Kanzlei, einen „starken Gerechtigkeitssinn beizubehalten und Menschen, die benachteiligt sind, zu unterstützen“. Das Profil der Kanzlei hat sich über die Jahre allgemein geändert, so Hartmut Wächtler. Dennoch komme es weiterhin darauf an, die Rechte und Bürgerrechte der Mandant:innen notfalls weiterhin mit aller Schärfe zu verteidigen. „Dazu sind wir da und so soll es auch bleiben.“
Hubert Heinhold gab seine Anwaltszulassung im Jahr 2025 auf und ist im Ruhestand. Hartmut Wächtler verstarb im Dezember 2025 nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren.
In den vergangenen Jahren ist die Kanzlei stark gewachsen, mittlerweile gehören einige angestellte Junganwältinnen und –anwälte, Assistent:innen und Azubis zum Team. Man könne aus den vergangenen 50 Jahren der Kanzlei lernen, um für die nächsten 50 gut aufgestellt zu sein, so Kanzlei-Partnerin Anna Frölich. Zwar könne man eine Kanzlei heute nicht mehr so führen wie damals: Das Migrationsrecht sei komplexer, der notwendige Finanzierungsdruck größer geworden. „Trotzdem ist der Spirit der Anfangsjahre noch präsent“, sagt Frölich. Für sie sei das der Gedanke, mit seiner Arbeit viel bewegen und für eine gesellschaftliche Gruppe, die am Rande der Gesellschaft steht, einstehen zu können.
Für die nächsten Jahre gibt es große Pläne: Ziel ist es, weiter zu wachsen, Kontakte zu knüpfen und damit Einfluss zu gewinnen, um „ „, erzählt Katharina Camerer, Partnerin der Kanzlei Camerer und Frölich haben einen großen Plan für die Kanzlei, ihr „Projekt“, wie Camerer es nennt.

